Velvet Blog

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27. Juli 2017

Stilkritik


Alle Vorurteile, die man als Berlinerin der Provinz gegenüber haben mag, werden revidiert, schön. Das ist bisher das ansprechendste Cover. Das Bild zeigt ein kleines Mädchen mit rot angemaltem Gesicht und Melonenhelm in einem Strohfeld. Trübe Stimmung - super spannend: ein künstlerisches Bild. Ich kann es zwar noch nicht richtig einordnen, aber es macht mich sehr neugierig. Im weißen Rahmen um das Bild steht der Name des Theaters - sehr klein gesetzt und noch nicht mal als Logo repräsentiert. So viel Understatement ist toll. Obwohl das Magazin aus der Saison 13/14 ist, sieht es aus wie von Übermorgen. Wenn eine Gestaltung auch über drei, vier Jahre Bestand haben kann, hat man alles richtig gemacht.
Die Schrift ist eine Symbiose aus einer zackigen Serifenschrift und einer serifenlosen Schrift, deren Einzelteile gut ineinander verzeichnet sind. Dadurch wirkt sie nicht irritierend, störend oder zu üppig. Ich bin sehr gespannt, wie sich das im weiteren Verlauf des Heftes entwickelt und vermute stark, dass hier ein Gestalter in Grenznähe zur Schweiz am Werk war.
Im Layout passiert sehr viel, es gibt Reibung, die Spannung erzeugt. Das passt sehr gut zur Kunstform Theater. Die Seiten haben verschiedene Kontraste: Mal sitzt ein Titel ganz groß und andere Elemente werden eher wie Fußnoten gesetzt und mal ist ein Mittelsatz sehr dicht an einen linksbündigen Satz heran gesetzt. So was »macht man eigentlich nicht«, aber genau darin liegt die Kraft. Alles ist gut kontrolliert und funktioniert deswegen. Wenn man die Konventionen, die man beherrscht, brechen kann, wird Gestaltung immer spannend. Die kraftvolle Typografie zieht sich durchs gesamte Heft, und obwohl die verwendeten Elemente immer die gleichen sind, langweilen sie durch den feingetunten Einsatz auch in der Wiederholung überhaupt nicht.
Auch über das Bildkonzept hat man sich hier Gedanken gemacht. Man zeigt keine aufführenden Schauspieler, sondern höchstens Teile der Person. Viele Bilder finden auch gar nicht im Kontext des Hauses oder der Bühne statt. Da wurde weitergedacht an der Frage, was ein Stück alles bedeuten kann. Oft hat man die Idee, dass man für die ältere und konservativere Zielgruppe alles im Lot behalten muss und bloß nicht zu viele Experimente zulassen darf. Hier ist das Experiment gelungen und jeder kann es verstehen, vom Schüler bis zum Rentner.
Ein Blick ins Impressum verrät übrigens, dass die Gestalter, wie anfangs vermutet, wirklich aus der Schweiz kommen.

P F T A G